Ein Blick in unsere Stadionrekordliste fördert etwas Bemerkenswertes zutage: Fünf der dort verzeichneten Bestmarken wurden nicht von Athletinnen und Athleten aus der Region aufgestellt, sondern von Gästen aus Botswana 🇧🇼 und Sambia 🇿🇲. Sie verteilen sich auf gerade einmal drei Sommerabende – den 20. Juni 2012 sowie den 20. Juni und den 4. Juli 2018.
Jedes Mal reiste eine Gruppe afrikanischer Nationalsprinter an den Niersstrand, und jedes Mal standen anschließend Zeiten in den Listen, die bis heute niemand unterboten hat. Wir haben nachgeschaut, was aus diesen Gästen geworden ist.
2012: Botswana 🇧🇼 auf der Nierskampfbahn

Beim Sprintpokal- und Mittelstreckenabend 2012 gingen fünf Sprinter aus Botswana an den Start. Zwei ihrer Zeiten stehen bis heute: die 20,93 sec von Obakeng Ngwigwa über 200 m und die 45,94 sec von Nijel Amos über 400 m.
🇧🇼 Nijel Amos – von Oedt nach London, heute nach Teheran

Der damals 18-Jährige lief bei uns die schnellste Stadionrunde des Abends. Wenige Wochen später stand er im Olympiastadion von London und gewann über 800 m Silber hinter David Rudisha – die erste olympische Medaille überhaupt für Botswana. Seine Zeit von 1:41,73 min ist bis heute U20-Weltrekord und zählt zu den schnellsten je gelaufenen 800-m-Zeiten. Es folgten Gold bei den Commonwealth Games 2014 und mehrere Diamond-League-Siege (Wikipedia).
2022 kam der Bruch: Amos wurde nach einem positiven Test auf die verbotene Substanz GW1516 gesperrt und erhielt 2023 eine rückwirkende Dreijahressperre bis Juli 2025. In dieser Zeit bot er seine olympische Silbermedaille zum Verkauf an, um seine Familie zu versorgen und die Kosten seiner Rechtsverteidigung zu decken (Canadian Running Magazine, insidethegames.biz).
Inzwischen hat er eine neue Aufgabe: Nach Ablauf der Sperre absolvierte er eine Trainerausbildung und wurde im Oktober 2025 zum nationalen Mittelstrecken-Cheftrainer des Iran berufen. Gegenüber der botswanischen Zeitung Mmegi erklärte er, er wolle sein Wissen weitergeben und die nächste Generation mitformen; auf einen Vertragszeitraum wollte er sich nicht festlegen, plane aber einen längeren Aufenthalt (Mmegi).
🇧🇼 Obakeng Ngwigwa – vom Sprinter zum Sportfunktionär

Der Inhaber unseres 200-m-Rekords war 2012 bereits ein erfahrener Athlet: 2004 hatte er bei den Junioren-Weltmeisterschaften Bronze über 400 m gewonnen und war anschließend am College in den USA gelaufen, unter anderem für die University of South Carolina (Wikipedia). Nach dem Karriereende absolvierte er einen Master-Studiengang in Sportmanagement und wurde zum Technischen Direktor der Vereinigung der Nationalen Olympischen Komitees Afrikas (ANOCA) berufen (Athletics Africa) – ein Beispiel dafür, wie der Übergang vom Leistungssport in die Sportverwaltung gelingen kann.
🇧🇼 Isaac Makwala – Olympiabronze und heute Nachwuchsförderer
In Oedt lief Makwala 20,97 sec über 200 m und 46,34 sec über 400 m – beide Male knapp hinter seinen Landsleuten. Danach ging es steil bergauf: Er wurde zweimaliger Commonwealth-Games-Sieger, gewann ein Diamond-League-Finale und holte olympisches Bronze; seine Bestzeiten von 43,72 sec über 400 m und 19,77 sec über 200 m sind botswanische Rekorde (World Athletics). Einem breiteren Publikum blieb er durch die WM 2017 in London in Erinnerung, als er wegen einer angeordneten Quarantäne nicht im 400-m-Finale antreten durfte und sich anschließend in einem Alleinlauf über 200 m ins Halbfinale zurückkämpfte. 2022 zog er sich aus der Nationalmannschaft zurück. Heute engagiert er sich für den Nachwuchs seines Landes: In Gaborone arbeitet die gemeinnützige Isaac Makwala Athletics Development Foundation, die Trainings- und Talentförderprogramme organisiert.


🇧🇼 Omphemetse Mokgadi – viel zu früh gegangen
Die traurigste Nachricht betrifft den Athleten, der in Oedt über 400 m 47,29 sec lief. Omphemetse Mokgadi brach am 13. November 2017 oder 2018 (die Berichte sind nicht eindeutig) im Training zusammen und starb im Alter von nur 32 Jahren. Sein Tod löste in Botswana eine Debatte über fehlende medizinische Vorsorgeuntersuchungen für Athletinnen und Athleten aus; der Verbandssprecher sprach von einem Weckruf, Mediziner forderten regelmäßige Herzuntersuchungen (Sunday Standard). Wir denken an einen Gast, der an jenem Sommerabend mit auf unserer Bahn stand.

🇧🇼 Tiroyaone Masake – Spur verloren
Masake, Jahrgang 1987, lief bei uns 47,41 sec über 400 m. Im Lauf seiner Karriere gewann er Silber bei Afrikameisterschaften und stand bei Commonwealth Games in den Top 8; die letzten in der Datenbank von World Athletics geführten Saisonbestleistungen stammen aus dem Jahr 2017 (World Athletics). Was er heute macht, ist öffentlich nicht dokumentiert.

2018: Sambia 🇿🇲 schreibt die Rekordliste um
Sechs Jahre später wiederholte sich das Bild – und zwar gleich zweimal innerhalb von zwei Wochen. Beim Sparkassen-Mittsommersportfest am 20. Juni 2018 hinterließ eine Delegation der sambischen Nationalmannschaft zwei Rekorde: Sydney Siames 10,44 sec über 100 m und die 46,31 sec der 4×100-m-Staffel der Frauen. Beim Sprintpokal- und Mittelstreckenabend am 4. Juli kam der dritte hinzu, als Quincy Malekani die 400 m der Frauen in 53,15 sec gewann.



🇿🇲 Sydney Siame – der schnellste Mann, der je auf unserer Bahn lief
Seine 10,44 sec über 100 m stehen bis heute als Stadionrekord. Siame war zu diesem Zeitpunkt bereits ein Name: 2014 hatte er bei den Olympischen Jugendspielen in Nanjing über 100 m Gold gewonnen. 2019 folgte der Sieg über 200 m bei den Afrikaspielen in Rabat, wofür er als bester männlicher Athlet der Spiele ausgezeichnet wurde; im selben Jahr lief er mit 20,16 sec den bis heute gültigen sambischen Landesrekord. Als erster sambischer Leichtathlet qualifizierte er sich für die Olympischen Spiele in Tokio (Olympics.com, World Athletics).
🇿🇲 Kennedy Luchembe – der 17-Jährige, der es am weitesten brachte

Er war 2018 der jüngste unserer sambischen Gäste und lief die 400 m der männlichen Jugend U18 in 47,89 sec. Wenige Monate später gewann er bei den Olympischen Jugendspielen in Buenos Aires Silber über 400 m. 2020 nahm er der Landeslegende Samuel Matete den 22 Jahre alten sambischen Hallenrekord über 400 m ab, 2021 lief er in Lusaka seine Bestzeit von 45,51 sec (Wikipedia, Zambia Athletics).
Mit der sambischen 4×400-m-Staffel folgten Silber bei den Afrikameisterschaften 2022, Gold bei den Afrikaspielen 2023 in Accra – und der Einzug ins Finale der Olympischen Spiele 2024 in Paris, wo das Team Achter wurde. 2025 startete er bei den Weltmeisterschaften. Und er ist noch mittendrin: Bei den Commonwealth Games in Glasgow verpasste er Ende Juli 2026 über 400 m in 46,60 sec knapp den Endlauf. Zwei Tage später stand er in der erstmals ausgetragenen 4×400-m-Mixed-Staffel im Finale – doch auf seiner Teilstrecke riss ein Muskel, und die sambische Staffel kam nicht ins Ziel. Ein bitteres Ende einer starken Woche, in der Sambias Aushängeschild Muzala Samukonga über 400 m als Sechster den Titel nicht verteidigen konnte (World Athletics, Lusaka Times).
🇿🇲 Rhoda Njobvu – bis heute im Nationaltrikot
Die Doppelsiegerin über 100 m und 200 m – und das an beiden Abenden – hält inzwischen beide sambischen Landesrekorde: 11,12 sec über 100 m und 22,69 sec über 200 m, beide 2021 gelaufen. Damit qualifizierte sie sich in beiden Disziplinen für die Olympischen Spiele in Tokio. 2024 gewann sie mit der sambischen 4×400-m-Staffel Silber bei den Afrikaspielen in Accra und ist damit eine der wenigen unserer damaligen Gäste, die auch heute noch international aktiv sind (World Athletics, Wikipedia).

🇿🇲 Quincy Malekani – Rekordhalterin über 400 m
Malekani gewann am 4. Juli 2018 die 400 m der Frauen in 53,15 sec – mit über sechs Sekunden Vorsprung und als bis heute gültiger Stadionrekord. Auch sie gehörte zur sambischen 4×400-m-Staffel, die 2024 bei den Afrikaspielen in Accra Silber holte, und startete bei den Afrikameisterschaften desselben Jahres über 400 m (World Athletics). Gemeinsam mit Hellen Makumba, Rhoda Alfobuu und Suwilanji Mpondela hält sie zudem unseren Staffelrekord über 4×100 m.
🇿🇲 Suwilanji Mpondela – von der Bahn in die Sportpolitik

Die Siegerin der weiblichen Jugend U20 an beiden Abenden ist heute vor allem als Funktionärin bekannt. Im März 2019 wurde sie mit gerade 19 Jahren zur ersten Vorsitzenden der Athletenkommission des Nationalen Olympischen Komitees von Sambia gewählt – und damit zur jüngsten Person, die in Afrika je ein solches Amt übernommen hat. Sie setzte sich gegen Kandidatinnen und Kandidaten aus 15 Sportverbänden durch und war zuvor Stipendiatin eines IOC-Förderprogramms (World Athletics, Wikipedia).
🇿🇲 Chidamba Hazemba – Bronze bei den Afrikameisterschaften
Der Zweitplatzierte hinter Siame über 100 m und Sieger über 200 m stand bereits 2015 in der sambischen 4×100-m-Staffel, die mit 39,31 sec den bis heute gültigen Landesrekord aufstellte. Nur vier Tage nach seinem zweiten Auftritt in Oedt lief er seine 100-m-Bestzeit von 10,36 sec. Bei Afrikameisterschaften gewann er Bronze, 2022 startete er bei den Commonwealth Games in Birmingham (World Athletics).
🇿🇲 Hellen Makumba – WM-Teilnehmerin in Doha
An beiden Abenden im Sprintfeld der Frauen vertreten, startete Makumba 2019 bei den Weltmeisterschaften in Doha über 100 m sowie bei den Afrikaspielen und gehörte in den Folgejahren zur sambischen 4×100-m-Staffel (Wikipedia).

🇿🇲 Douglas Kalembo – der Mann am Rand der Bahn

Einer, der an jenen Abenden keine Zeit in die Rekordliste eintrug, ist unserem langjährigen Athleten und Vereinsfotografen Herbert Wolscht besonders in Erinnerung geblieben: der sambische Nationaltrainer, der sich mit spürbarer Fürsorge um seine Athletinnen und Athleten kümmerte. Douglas Kalembo weiß, wovon er spricht – er stand selbst auf der ganz großen Bühne und lief 1988 bei den Olympischen Spielen in Seoul die 400 m; seine 800-m-Bestzeit von 1:46,93 min stammt aus dem Jahr 1991 (World Athletics, Wikipedia).
Als Trainer hat er Sambia zurück in die Weltspitze geführt: 2022 wurde er beim National Sports Council of Zambia als Trainer des Jahres ausgezeichnet, und 2024 gewann sein Schützling Muzala Samukonga über 400 m olympisches Bronze – die erste sambische Olympiamedaille seit 28 Jahren. Er habe sich nach seiner Rückkehr nach Sambia selbst beweisen wollen, dass er einen Champion hervorbringen kann, sagte Kalembo nach diesem Erfolg (News Diggers). Bis heute betreut er die sambische Nationalmannschaft.
Was bleibt
Drei Abende, fünf Rekorde, die seit Jahren niemand angetastet hat – und eine Erinnerung daran, dass auf der Nierskampfbahn schon ein künftiger Olympia-Zweiter am Start stand, während unsere Kinder am selben Abend ihre 50 m liefen. Solche Momente machen ein Sportfest besonders.
